nachfolgend Auszug aus: Wilhelm Knuff  "Berchum-Ein Dorf und seine Entwicklung"

ISBN 3-8311-2765-4 / Juli 2001

Aus der Geschichte Berchums

Es ist bewiesen, daß der Mensch schon in prähistorischer Zeit unseren Raum betreten hat. Steinzeitfunde, die in Berchum gemacht worden sind, weisen darauf hin. Daß die Fundstellen aber auch gleichzeitig Siedlungsraum waren, ist unwahrscheinlich. Vielmehr ist anzunehmen, daß umherstreifende Jäger die aufgefundenen Zeugen der Vergangenheit hinterlassen haben. Wann die Besiedlung Berchums begonnen hat, konnte bis heute nicht festgestellt werden. Urkundlich erscheint Berchum, das Heim auf dem Berge, erstmals im Jahre 784 n. Chr..

Das Dorf auf der mittleren Lenneterasse, oberhalb der von Karl dem Großen angelegten und in seiner Trassenführung teilweise noch vorhandenen Heerstraße von Syburg zum Süderland, zeigt in seiner Anlage die typisch fränkischen Merkmale eines Haufendorfes.Die Gleichheit des Wappens, nur unterschiedlich in den Farben  -ein rotes fünfspeichiges Rad auf silbernem Feld, dem später der Dreiberg im unteren Schilde noch zugefügt wurde- deutet auf engste Beziehungen zur Syburg hin. Auch kirchengeschichtlich läßt sich dise Verbindung nachweisen. Aus einer Nachricht aus dem Jahre 1169 geht hervor, daß Berchum eine Vikarie der Pfarrgemeinde zu Syburg war. Der spottlustige Name des Vorwerks Berchum "Rockholl" (Rauchloch) läßt darauf schließen, daß von dieser Stelle aus herannahende Gefahr aus dem Süderland, der Syburg, durch Rauchzeichen signalisiert wurde.

Die vier Adelsgeschlechter, die nachweislich Haus Berchum bewohnt haben, standen als Burgmannen in den Diensten der Isenberger Herren von Limburg. Als erster wird Dietrich von Berchem genannt, in dessen Familie der Besitz des Hauses Berchem von 1243-1450 verblieb.Dieses Adelsgeschlecht wird geschichtlich oft erwähnt. Kaufleute und Hansefahrer gingen aus ihm hervor. Am 24. August 1244 gelobten Dietrich von Berchem nebst seinem Bruder, gegen Herzog Heinerich von Limburg nichts feindliches zu unternehmen. 1385 schwört Herbert von Bergheim den Dortmundern Urfehde. Am 20. Juni 1429 wird am Femgericht in Limburg der Bayernherzog Heinrich zu Tode verurteilt. Ein Rose und Henneck von Berchum haben daran mitgewirkt. 1451 ging Haus Berchum durch Heirat an von Romberg über, deren Stammsitz die Rodenburg bei Menden war. Als 1615 Johann von Romberg starb und auch sein Sohn Philip ihm drei Jahre später folgte, bot die Witwe Anna Sophia von Romberg im Jahre 1627 der Gräfin Magdalena von Bentheim das Rittergut für 14.500 Rtl. zum Kauf an. Der Kauf ist aber unterblieben, denn 1628 wurde Johann von Wrede mit dem Adelssitz belehnt, nachdem er die Witwe von Romberg geheiratet hatte. Schwere Zeiten standen dem Adelsgeschlecht und der schon in karolingischer Zeit unweit des Edelsitzes entstandenen Siedlung bevor.

Haus Berchum um 1900

1634 plünderten hessische Heerscharen Berchum derartig aus, daß hinterher weder Pferde noch Kühe und Schafe im Dorfe vorhanden waren. Die Hessen hatten ihr Lager "Am-Öden-Berge" aufgeschlagen, unweit der jetzigen Besitzung Armin Gräwener, Garenfelder Weg. Durch Kriegsdrangsale, Pest und andere Seuchen wurde die Einwohnerzahl stark dezimiert. Nach einem Verzeichnis aus dem Jahre 1654 sind für Berchum 7 Pflüge mit 27 Bauern und Köttern aufgeführt. 1762 beträgt die Zahl der bewohnten Häuser 38. Diese erhöht sich bis zum Jahre 1786 auf 63 Häuser mit 274 Bewohner.

Als Gerhard Moritz von Kettler 1689 Klara von Wrede ehelicht und somit in den Besitz des Hauses Berchum kam, war infolge der sich häufenden Schuldenlast ein Großteil der zum Besitz gehörenden Grundstücke bereits veräußert. Auch dem neuen Besitzer und seinen Nachfolgern gelang es nicht der Schuldenlast Herr zu werden. Der einst so stattliche Grundbesitz schmolz dahin. Aus Not verkaufte die Familie von Kettler 1792 die Reste des Adelssitzes an den damaligen Händler Moritz Schmidt. Dieser Schmidt, einst Lehrer in Berchum, war zu jenen Zeiten eine der interessantesten Persönlichkeiten. Er erhielt 1779 von der Grafschaft Limburg 120 Rtl. zurück, die er dieser im "Sieben-Jährigen-Krieg" geliehen hatte. Von allen Kreditoren stand Schmidt mit dieser Summe an dritter Stelle. 1793 erwarb das Stift Elsey Haus Berchum für nur 340 Rtl. und erhielt damit Sitz und Stimme im Limburger Landtag, was man Schmidt, als Nichtadeligen, verwehrte, wodurch das Rittergut für ihn uninteressant geworden war. Nach Aufhebung des Stiftes durch Napoleon fiel es an das regierende Haus Limburg. Heute ist es in der Matrikel (Burgenliste) der Rittergüter gelöscht; ein kümmerlicher Rest deutet die Stätte an, auf der sich einst der Edelsitz Berchum erhob.

                   

Bei einer Aufteilung 1796 der "Berchumer Mark" in einem Berchumer und Tiefendorfer Fasel (Gebietsabschnitt)  ist eine Personenstandsliste  erstellt worden, in welcher Einwohnerzahl und  Berufstand der damaligen Bevölkerung des Kirchspiels aufgezeichnet sind. Hiernach werden für Berchum 196 Personen, darunter 19 Juden, und für Tiefendorf 59 Personen angegeben. Bezeichnend ist, daß neben dem Bauer der Beruf des Leinewebers am häufigsten vertreten ist. Doch da schon 1794 in Schottland die erste mechanische Weberei ihren Betrieb aufgenommen hatte, ist dieser Beruf in hiesiger Gegend gänzlich aufgegeben worden. Der letzte noch tätige Handweber "Heinrich Fehr" hat mit dieser Tätigkeit bis etwa 1880 mühselig sein täglich Brot verdient. Die heutige Straßenbezeichnung Linnufer verdankt ihren Namen der Leineweberei. In den dortigen Steinkümpen wurde Linnen gewaschen und zum Bleichen auf der Borgmannschen Wiese ausgelegt. Es gibt aber noch andere Deutungen. Da sie auch sehr passabel erscheint, möchte ich die Deutung des Herrn Dr. Wilhelm Bleicher, Iserlohn, an dieser Stelle wiedergeben. Er sagt: Daß die Silbe "linn" im Sächsischen soviel bedeutet wie Wasser oder Sumpf. Sumpfig war unser Linnufer, das von Italienern im Jahre 1910 trockengelegt und in seiner Form begradigt wurde. Die Italiener waren seiner Zeit im Saale Nippel Im Nordfeld untergebracht.

Nachdem Napoleon der Kleinstaaterei ein Ende machte und auch die Grafschaft Limburg auflöste, ist Berchum dem Amtsverband Ergste zugeordnet worden. Zwei noch im Volksmund gebräuchliche Ortsbezeichnungen weisen auf diese Zeit hin: Die Franzosenschlucht an Berchums Südgrenze und die Franzosengräben auf der Sauren Egge in Tiefendorf. Wenn auch die unregelmäßige angelegten etwa 200 m langen und bis zu 4 m Tiefe ausgehobenen, teilweise mit einer Zufahrt versehenen, wallartig aufgeschütteten Gräben wie Befestigungsanlagen wirken, so ist doch nicht bewiesen, daß diese von den Franzosen angelegt worden sind. Die in der Grabentiefe vorkommenden teils mineralhaltigen Gesteine lassen die Vermutung aufkommen, daß hier nach Erzen geschürft worden ist. Nach einer anderen, ebenfalls nicht bewiesenen Deutung sollen hier Steine für die Ergster Kirche gebrochen worden sein. Es kann aber auch sein, daß das hier massenhaft vorkommende Konglomerat abgebaut und für Straßenbefestigungen verwandt worden ist. Interessant in diesem Zusammenhang, daß Napoleonische Truppen die Ortsbezeichnung Tiefendorf bekannt war. So sollen sie nach einer Stadt Tiefendorf gefragt haben (lt. Hermann Esser), die in dieser Gegend gelegen haben soll und ein Opfer eines Großbrandes geworden sein soll. Tiefendorf mag zwar abgebrannt sein, worüber nichts bekannt ist, aber eine Stadt war Tiefendorf nie.

Die Einwohnerzahl der Gemeinde Berchum stieg bis zum Jahre 1823 auf 363, darunter 30 Juden. Ein Judenfriedhof wurde auf dem Lichtenböcken angelegt, unweit des jetzigen Wasserhochbehälters. Aber schon 100 Jahre später war kein Jude mehr in der Gemeinde vorhanden. Beim sogenannten Judenkirchhof handelt es sich lt. Hermann Esser um eine sächsische Wallburg kleineren Ausmaßes. Seiner Meinung nach sind dort nie Juden beerdigt worden. 650 Einwohner zählte Berchum zu Beginn des Ersten Weltkrieges; 33 Gefallene waren bis Ende des Krieges zu beklagen. 1921 kehrte Emil Jürgensmann aus russischer Gefangenschaft heim. Er galt als gefallen, die Totenglocken hatten für ihn schon geläutet. Von den 737 Einwohnern zu Beginn des Zweiten Völkerringens starben bis Kriegsende 37 durch Feindeinwirkung (gefallen bzw. Bombenopfer), nicht mitgezählt sind die in einer Baracke im Küsterskamp untergebrachten Polen, von denen 9 durch feindlichen Granatenschlag ums Leben kamen (13.04.1945). Bei einem nächtlichen Bombenangriff auf Hagen am 01.10.1943 ist unsere Gemeinde in Mitleidenschaft gezogen worden. Durch zahlreiche Spreng- und Brandbomben, die zum Glück größtenteils auf unbewohnte Gebiete niedergingen, sind 10 Häuser stark beschädigt und 3 total zerstört worden. Der nach dem Krieg einsetzende Strom von Flüchtlingen und Vertriebenen erreichte auch unsere Gemeinde. 280 der meist aus Schlesien stammenden leidgeprüften Menschen wurden in Berchum zwangseinquartiert. Ihre Integrierung erfolgte verhältnismäßig rasch. Bezeichnend dafür ist, daß die Bürger der Gemeinde schon im Jahre 1948 den aus Schlesien stammenden Willi Koschwitz zu ihrem Bürgermeister wählten. Heute etwa 50 Jahre später, kann gesagt werden, daß die Menschen, die gezwungen waren, ihre angestammte Heimat zu verlassen, am Wiederaufbau und der Weiterentwicklung ihrer neuen Heimat maßgeblich beteiligt waren.

Berchum hat im Zuge der für den Raum Paderborn - Sauerland geplanten und auch durchgeführten Neuordnung im Jahre 1975 seine Selbstständigkeit verloren. Zu dem von der Gemeinde angestrebten Zusammenschluß mit der Stadt Hohenlimburg kam es leider nicht. Der von der Gemeindevertretung am 28.04.1969 mit der Stadt Hohenlimburg abgeschlossene Gebietsänderungsvertrag wurde für ungültig erklärt. Neben dem geplanten Ausbau der Lenneschiene (Gewinn von Industriegelände durch Begradigung und Eindeichung des Flußbettes) sind die meist südwestwärts gerichteten Hanglagen Berchums von kommunalpolitischer Bedeutung, da sich diese für eine Wohnbesiedlung besonders anbieten.